Alter Berliner Garnisonfriedhof

Aktuelle Kunstausstellung:

 

FARBEN DES EWIGEN FRIEDENS

 

 

Die Ausstellung Farben Des Ewigen Friedens zeigt im ehemaligen Verwalterhaus des alten Garnisonfriedhofs Malerei der in Berlin lebenden Künstlerin Lucia Fischer sowie eine von ihr eigens für das Lapidarium entwickelte Glasinstallation.

Den grauen und schwarzen Grabstelen zum Gedenken an die beigesetzten Offiziere, den gusseisernen Kreuzen, Meisterwerke der Bildhauerkunst des 19. Jahrhunderts aus Marmor und Sandstein, setzt sie farbig poetische Werke entgegen.

In der Tradition des abstrakten Expressionismus arbeitet die Künstlerin ähnlich wie Helen Frankenthaler mit fließenden Formgebungen auf dem Material zu ihren Füßen.

Durch das Spiel mit chemischen Reaktionen der Farben und Farbschichten untereinander wachsen ihre Arbeiten über Wochen, Monate und Jahre zu eigenständigen Wesenheiten heran. Farblich strahlend, wirken sie wie ein gutes Gedicht furios ohne sich aufzudrängen. 

 

Funktioniert das Militärische durch absoluten Gehorsam, fordert doch die Malweise von Lucia Fischer, die Formung durch Fließen, Hingabe an die Regellosigkeit, die innere Öffnung für grenzüberschreitende Prozesse.

Die Ausstellung erregt eine Vielfalt von Spannungen: Farbenfreude gegen düsteres Schwarzgrau, Humanismus und Gewaltlosigkeit gegen millionen faches Sterben. 

 

 

 

 

Zur Biographie der Künstlerin und Details der Ausstellung: 

 

 

 

 

(www.lucia-fischer.com)

  

 

 

Dauer der Ausstellung: 10. September bis 3. Dezember 2017

 

Öffnungszeiten: Samstags 12 - 16 Uhr, Sonntags 11 - 16 Uhr

 

sowie nach telefonischer Vereinbarung

 

(030 - 2219 8883 und 0157 - 5099 5545)

 

 

Rahmenveranstaltungen

In den Ausstellungsräumen auf dem alten Garnisonfriedhof

(Eintritt frei)


   

    22. November 2017, 18 Uhr:

 
    Zum Todestag des Dichters Heinrich von Kleist Vortrag von Dr. phil. Dieter Weigert:
    Preußens Dilemma: Zwischen Pflicht und Liebe


   
   
03. Dezember 2017, 14 Uhr:


   
Finissage der Ausstellung

„Farben des ewigen Friedens“

 

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Einführungsworte von Dr. Dieter Weigert,

Vorsitzender des Fördervereins Alter Berliner Garnisonfriedhof e.V.

zur Eröffnung der Ausstellung „Farben des ewigen Friedens“

der Berliner Malerin Lucia Fischer am 9. September 2017

 

Liebe Mitglieder und Sympathisanten des Fördervereins, verehrte Gäste und Kunstfreunde,

 

zum fünften Mal seit 2014 lädt unser Verein zur Eröffnung einer Kunstausstellung im Lapidarium und im ehemaligen Verwalterhaus des alten Offizierskirchhofs, diesmal unter dem Titel „Farben des ewigen Friedens“ und diesmal nicht figürliche, nicht gegenständliche, sondern abstrakte Kunst, Arbeiten der Berliner Malerin Lucia Fischer, einer dezidierten Vertreterin des abstrakten Expressionismus.

 

Angesichts dieser abstrakt-expressionistischen Arbeiten, angesichts des Fehlens jeglicher religiöser oder moralischer Symbole, der Abwesenheit von Bildern des Schreckens von Krieg und Gewalt, ebenso von figürlichen Darstellungen eines friedlichen Paradieses im Jenseits - woher nehmen wir das Recht, ihre Arbeiten unter dem Titel „Farben des ewigen Friedens“ auszustellen? Die Antwort liegt in den unendlichen Dimensionen der Farben, die auf uns einwirken und die das Leben, die Träume, den Humanismus, die Freiheit von Gewalt und Tod verkörpern. Kräftige Farben in ihrer Durchdringung, in ihrem Fluss, in den Verästelungen bis in winzige Linien und Punkte – das ist die Sprache dieser Malerin, die sie dem Krieg und der Gewalt entgegensetzt, das ist ihre Botschaft. Diese Sprache bedarf keiner Figur, keines Gegenstandes, keiner religiösen oder moralischen Symbolik. Es ist die Sprache des abstrakten Expressionismus seit Wassili Kandinsky, seit über einem Jahrhundert. Bleiben wir einen Augenblick im Geschichtlichen - der große kirgisische Dichter Tschingis Aitmatow zitierte in der Einführung zu seinem Roman „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ Fjodor Dostojewski. Ich erlaube mir dieses eine Zitat: „Das Phantastische muss sich so eng mit dem Realen berühren, dass es nahezu glaubhaft wird.“ In diesem Satz liegt für mich das Wesen der Kunst von Lucia Fischer.

Die Absage an das Figürliche in der Periode zwischen 1900 und 1915, das Eigenleben, die Eigendynamik, die „Befreiung“ der Farben – von Lyrikern und Prosaikern wie Rilke, Dostojewski, Döblin, van Hoddis, Johannes R. Becher begleitet und inspiriert. Das Figürliche ist der Schein, das Phänomen – das Wesen, das Innere ist die Abstraktion, die nur in der Spontaneität der Farbsetzung ihren Ausdruck finden kann.

Gemeinsam ist den Dichtern und bildenden Künstlern dieser Zeit: die seelische Vertiefung, die Sensibilisierung der Kunst, die Verbindung zum Nichtmateriellen, zum Unsichtbaren und Nichtgreifbaren, sie sind politisch und weltanschaulich engagiert, sie fühlen sich mehrheitlich sozialistischen Idealen verpflichtet. In dieser Bewegung sieht sich Lucia Fischer verwurzelt – ästhetisch und weltanschaulich-politisch. Der Zufall wollte es – Hegel hätte das Wirken des Weltgeistes zur Erklärung bemüht - , dass Lucia Fischer aus der Stadt Essen kommt, der Waffenschmiede der preußischen Könige und der deutschen Kaiser, der Region, aus der die Mehrheit der auf diesem Friedhof liegenden Offiziere ihre Kanonen, Degen und Säbel bezogen.

Wie ihre Vorläufer vor über einhundert Jahren sucht Lucia Fischer nicht zu vermitteln – weder in der Kunst, noch in der Weltanschauung, noch in der Politik – sie kämpft, sie sucht neue Wege, sie reibt sich an den Widerständen, am Material, sie will neue Räume entdecken – unser bisher den Spinnweben vorbehaltenes Lapidarium wurde ihr neuestes Experimentierfeld, womit wir wieder bei den Farben wären.

Haben die einzelnen Farben für den abstrakt-expressionistischen Künstler auch keinen figürlichen Bezug, so sind sie doch nicht bedeutungslos, sie korrespondieren mit Werten, Grundmustern, die wiederum unendliche Variationsreihen und Verbindungen erlauben. Bei Wassili Kandinsky beispielsweise ist Grün die Farbe der Ruhe, ist Weiß das große Schweigen, die Spannung zwischen Blau und Gelb bedeutet ihm Leidenschaft und Geistigkeit.

Zurück zum Thema: Wir suchen in den Bildern den gegenständlichen Frieden, und was finden wir? Expressiv-abstrakte Farben in einer Formensprache, die überrascht, die verblüfft, die erregt, die alle unsere Sinne anspricht.

Die Erregung kommt aus dem Fließen der Farben, einer Technik, erfunden im Kontext der Glasinstallation von Lucia Fischer. Wie setzt sie die Farben? Die Frage ist falsch gestellt – wie bringt sie die Farben zum Fließen, wie bringt sie die Farben zum Halten, was entsteht, wenn der Farbfluss zum Halten kommt? Winzige, aber doch wahrnehmbare erhabene Spuren in der Fläche. Es ist wie beim Puddingkochen – das Bild des warmen Puddings in einer Porzellanform – das Positiv – lässt ahnen, aber nur ahnen! wie das Bild des kalten, gestürzten Puddings auf dem Teller aussehen könnte – aber erst zum Finale ist die endgültige, die negative Form erkennbar. So beim Glas – erst das Vorzeigen auch der Rückseite, auch der Unterseite führt uns zum totalen Erlebnis des Kunstwerkes. Lucia Fischers Gemälde, Aktionen, Glasinstallationen präsentieren uns Seelenzustände, die aber nicht vordergründig lesbar sind. Es bedarf einer Öffnung für jene ausdrucksstarken Bilder, für die expressive Sprache der Künstlerin, um ihr Anliegen in unsere Gefühlswelt eindringen zu lassen: der EWIGE FRIEDEN, die Abkehr von Gewalt, die Rückkehr zur natürlichen GEMEINSCHAFT mit ihren gewaltfreien, solidarischen Spielregeln, wie sie Jean-Jaques Rousseau beschrieb und Dichter wie Rainer Maria Rilke poetisch benannten.

Damit steht Lucia Fischer in der Tradition amerikanischer Künstlerinnen und Künstler des 20. Jahrhunderts, überschreitet aber vor allem in ihren Glasinstallationen die Grenzen jener amerikanisch dominierten Periode – aus dem Paint-Dripping von Jackson Pollock, dem lyrischen Action-Painting der Helen Frankenthaler und insbesondere dem leuchtenden, ostasiatisch-lustvollen spontanen Farbspielen von Sam Francis hat sie eine ästhetisch und stilistisch auch für sich selbst neue Herausforderung geschaffen, für die die Kunstwissenschaft und Kunstkritik noch eine treffende Bezeichnung finden muss.

Sehr deutlich wird diese Grenzüberschreitung doppelt sichtbar beim Vergleich des Gemäldes von Helen Frankenthaler „Blaue Raupe“ aus dem Jahr 1961 und den heutigen neun Glastafeln von Lucia Fischer.

Erstens: Diese Glastafeln, eigens für unsere Ausstellung hier in unserem Lapidarium des altehrwürdigen preußisch-deutschen Offiziersfriedhofs in einem mehrmonatigen spannungsgeladenen, intellektuell anstrengenden Prozess geschaffen, lassen jeden Bezug zur Figürlichkeit vermissen. Keine bewusste, gezielte, gewollte Andeutung einer Raupe, einer Frau, einer Blume, eines Himmelskörpers, wenn auch die spontan sich herausbildenden dominierenden Rundungen viel Raum zu spekulativen Assoziationen bieten.

Zweitens: das Material Glas verhindert das spontane Verschmelzen von Bildträger und aufgetragenen dünnflüssigen Farben mit überraschenden Ergebnissen für den Künstler und den Betrachter, das einen Wesenszug der Malerei Helen Frankenthalers ausmachte. Glas widersetzt sich solchen Bestrebungen, die spontan verlaufenden Farben bei Lucia Fischer liegen zum Teil unvermischt aufeinander und demonstrieren so den Prozess im Ergebnis, dem eigentlichen Anliegen der Künstlerin. Und das für uns Betrachter Spannende: herumwandernd erfühlen wir durch das Glas sozusagen den Entstehungsprozess ein zweites Mal beim Betrachten der Farbschichten in umgekehrter Richtung, fast wie die Wirkung eines mittelalterlichen Kirchenfensters.

Abschließend: Das heutige weltanschaulich-politische Engagement von Lucia Fischer, ihre aktive Suche nach Wegen und Formen, die menschlichen Beziehungen von Krieg und Gewalt zu befreien, übersteigt den Einsatz der Helen Frankenthaler und ihrer Freunde in den USA der Nachkriegszeit des letzten Jahrhunderts für Bürgerrechte und intellektuelle Freiheiten. So ist auch Lucia Fischers Traum zu verstehen, ihre Glastafeln vielleicht eines Tages in Berliner oder Potsdamer Kirchen zu finden, deren Gemeinden sich weltanschaulich den globalen Zielen des ewigen Friedens, der Gewaltlosigkeit und des Humanismus verpflichtet fühlen. Auf diese Art hat sich Lucia Fischer auch mit dem Motto des diesjährigen Tages des offenen Denkmals MACHT UND PRACHT auseinandergesetzt: die Pracht der Farben gegen die Macht des Krieges – die Farben des ewigen Friedens gegen eine Zukunft des Krieges.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Die Ausstellung ist eröffnet.

 

 

 

 

Ausstellungansicht Raum 2 / Lapidarium

Ausstellungansicht Raum 2 / Lapidarium

Ausstellungansicht Raum 2 / Lapidarium

Ausstellungansicht Raum 2 / Lapidarium Detail

 

Ausstellungansicht Raum 1 / Verwalterhaus Malerei auf Baumwolle

 

Die Malweise: 

Neben Airbrushfarben, Tuschen, Tinten, Schellacke und Pigmenten verarbeitet Lucia Fischer Quell- und Mineralwasser.

Sie lässt die Farben auf dem am Boden oder auf Böcken liegenden Bildträger (Glas oder Leinwand) fließen.

Sie verzichtet auf den Einsatz von Pinseln und überlässt es den Materialien, sich natürlich zu verteilen; durch Schwenken und Unterlegen des Bildträgers mit Keilen bringt sie die Farbmasse in Bewegung.

Sie gießt und tropft Farben in den Farbflächen, die chemisch miteinander reagieren und sich dabei überlagern oder unterwandern.

Während der Verdunstungsphase des Wassers, die Stunden, Tage oder Wochen andauern kann, reagieren die Substanzen in einer ihnen innenwohnenden, natürlichen Dynamik und lösen darunterliegende Schichten wieder an.

Diesen Zufall kalkuliert die Künstlerin bewusst mit ein, denn mit dieser Art Freiheit des Materials kann das Werk seine eigentümliche Dynamik entwickeln. 

Am Ende kann es - im besten Fall - „in sich selbst“ ruhen; seine eigene Sprache sprechen, ohne dass sich eine bewusste, dem Willen untergeordnete Handschrift des Künstlers aufzwängt.

Alles entsteht aus dem Prozess, aus der fließenden Interaktion heraus; Schicht für Schicht, Lage für Lage entlässt der über Wochen, Monate oder Jahre andauernde Malprozess ein faszinierendes Werk.

Zeitlose Schnappschüsse aus einer anderen Welt vibrieren im Spannungsschauspiel zwischen natürlich-gewachsen und menschlich-erschaffen. 

Vita: • geb. 1971 in Essen, Ruhrgebiet • kaufmännische Ausbildung & Studium der Betriebswirtschaft • Studium der Malerei an der Akademie Rhein/Ruhr in Krefeld • Umzug nach Berlin • Studium der Malerei und Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin Weißensee • 2012 Meisterschülerabschluss bei Prof. Werner Liebmann • lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Berlin • Mitgliedschaften: BBK Berlin, VG-Bildkunst • Ausstellungen in Berlin, Krefeld, Essen

www.lucia-fischer.com 

 

Zur Website www.denag-berlin-limited.de 

 

und zur website www.bepil.eu

 

(Lehrerfortbildungen in Berlin und Potsdam)

 

 

Dr. Jörg Kuhn

 

Linie & Form – Druckgrafik, Grabmale, Militär 1820 bis 1848

Eröffnungsrede zur Ausstellung Linie & Form – Druckgrafik, Grabmale, Militär 1820 bis 1848 in den Räumen des Fördervereins Alter Berliner Garnisonfriedhof, Kleine Rosenthaler Straße, am 8.10.2016

 

Lieber Herr Dr. Weigert, lieber Herr Dr. Kirsten,

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

 

Jahrhunderte alte Begräbnisplätze, irdische Spiegel des Ewigen, stecken voller Geschichte und voller Geschichten. Der Alte Berliner Garnisonfriedhof macht da keine Ausnahme.

 

Vernachlässigt, geplündert, planiert - saniert, restauriert, rekonstruiert: der Garnisonfriedhof hat im 20. Jahrhundert seinen Niedergang – und seine Rettung erlebt. Was übrig blieb – zufällig oder geplant – ist vergleichbar disparat, wie die ganze Stadt. Disparat ist auch die Kunstsammlung, die der Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof zusammen getragen hat.

 

Ein Friedhof mit bedeutenden Resten seiner hier zeittypischen, dort einzigartigen Grabmalkunst, mit seinen gewöhnlichen und seinen herausragenden Toten, lädt zu assoziativem Denken geradezu ein. Die Geschichten der hier beigesetzten Personen und die Geschichten der im Auftrag der Hinterbliebenen tätigen Künstler und der die Grabmale ausführenden Gewerke sind ineinander verwoben, verweisen aufeinander und schaffen eine starke narrative Linie.

 

Die vom Förderverein zusammen getragenen Kunstwerke illustrieren, wenn auch unsystematisch, die Geschichte des Friedhofs und seiner Bewohner. Sie geben der mal üppig fließenden, mal mangels sprudelnder Quellen kargen Erzählung eine lesbare  Form.

 

Wenn Sie nun annehmen, damit sei der Titel der heute zu eröffnenden Ausstellung erklärt, wäre es mir gelungen, Sie auf eine vermutlich spannende, jedoch letztlich falsche Fährte zu locken.

 

Das gros der insbesondere in den 1990er und frühen 2000er Jahren von den Mitgliedern des Fördervereins zusammengetragenen, teils erworbenen, teils geschenkten Kunstsammlung besteht aus Büchern, Grafiken und Druckwerken in verschiedenen Techniken.

 

Auch wenn schon die großen alten Kunstsammlungen der frühen und fortschreitenden Neuzeit nicht geringe Bestände an Druckgrafik aufwiesen, vordringlich Holz- oder Kupferstiche, so ist doch das 19. Jahrhundert zur Blütezeit der „Schwarzen Kunst“ geworden. Die Entwicklung der modernen Druckgrafik ist eng verbunden mit dem gesellschaftlichen Wandel, dem Aufstieg des Bürgertums und der ursächlichen und darin begründeten Industriellen Revolution in Europa. Wachsende Individualität und Massengesellschaft sind zwei der zentralen Begriffe der neuen Zeit.

 

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war 1806 untergegangen. Die von den Vordenkern der sich herausbildenden europäischen Nationalstaaten und bürgerlichen kommunalen Selbstorganisationen umgesetzten Reformen, die Maßnahmen der wirtschaftlichen Erstarkung und die Modernisierung des Heereswesens, die Möglichkeit und die Notwendigkeit des Reisens für Viele, bedurften und förderten zugleich die Entwicklung neuer grafischer Techniken.

 

Sie werden bemerkt haben, das wir nun eine weitere Erklärung für den Ausstellungstitel gefunden haben: Linie & Form als Begriffe aus der Welt der Druckgrafik.

Eine weitere Spur ist aufzunehmen, die sich aus der schon benannten Heeresreform ergeben hat. Schon immer bedurften die Heereslenker der grafischen Kunst: Landkarten aller Art waren von Nöten. Ebenso nötig waren Darstellungen theoretischer Schlachtanordnungen, Bewegungsprofile und die Darstellung von Kriegsgerät und Uniformen. Das nahm im 19. Jahrhundert erheblich an Umfang zu. Gleichzeit nahm auch das Bedürfnis der Menschen zu informiert zu werden über besondere Schlachten und kriegerische Ereignisse. Waren Schlachtengemälde in der Vergangenheit in der Regel im Auftrag der Landesfürsten zur Mehrung des eigenen Ruhms in Auftrag gegeben worden, so wollten nun breite Schichten des Bürgertums darüber informiert sein. Die allgemeine Wehrpflicht der Bürger erzeugte das Bedürfnis mehr und Genaueres zu wissen über die unter Beteiligung der eigenen Leute geschlagenen Schlachten.

 

Die Heerführer wiederum wussten die präzise Schärfe der Linien und Formen der neuen Drucktechniken zu schätzen. Die weichen, durchaus unpräzisen Holz- und Kupferstiche konnten mit der Entwicklung der Stahlstichtechnik und der Lithografie nicht mithalten.

 

Wie denn die Wurzeln der Industriellen Revolution in Britannien und in Frankreich zu finden sind, so lässt sich auch die Entwicklung der Druckgrafik und ihr Einsatz als Massenmedium hier früh feststellen.

 

Die kleine, aber unter den angedeuteten Aspekten durchaus nützliche Kunstsammlung des Fördervereins kann es nicht leisten, die genaue Entwicklung der Druckgrafik lückenlos zu illustrieren. Das ist auch nicht die Aufgabe des Vereins. Wohl ist es die Aufgabe mithilfe der Kunst auf einzelne Grabmäler und Persönlichkeiten auf dem Garnisonfriedhof zu verweisen. Der Friedhof ist immer der Bezugspunkt – wenngleich es gewisser assoziativer Gelenkigkeit bedarf, um zwischen den Persönlichkeiten und Grabkunstwerken des Garnisonfriedhofs und den von den Ausstellungsmachern in den Fokus gerückten Themenschwerpunkten die nötigen inhaltlichen Brücken zu schlagen.

 

Der erste Schwerpunkt liegt auf dem Schaffen und dem Werk von Carl Ludwig Frommel (1789 geboren auf Schloss Birkenfeld an der Nahe, 1863 gestorben im badischen Ispringen beim Pforzheim). Der direkte Bezug zum Alten Garnisonfriedhof ist leicht auszumachen: Frommels Sohn, der Theologe Emil Frommel, kam 1869 als Pfarrer der Garnisonkirchengemeinde nach Berlin und wurde 1896 auf dem Garnisonfriedhof zu Grabe getragen worden. Ein auffälliger weißer Marmorkruzifixus von der Hand des Leipziger Bildhauers Arthur Trebst schmückt die Grabstätte des Ehepaares Frommel.

 

Carl Ludwig Frommel – Sohn eines Landbaumeisters – studierte in Karlsruhe Malerei und Stechen in Kupfer. 1809 erhielt er von Kaiserin Josephine in Paris den Auftrag zu einem zwölfteiligen Zyklus von Landschaftsaquarellen. In Frankreich lernte er die Präzision der Ereignismaler kennen, deren Werke ab 1830 in der unter König Louis Philippe eingerichteten Galerie des Batailles im Schloss von Versailles zu finden waren und deren mediale und massenwirksame Verbreitung durch Druckwerke Frommel für seine spätere Verlagstätigkeit höchstgradig inspirierte. In Italien, besonders in Rom und in Sizilien, wohin er 1813 mit seinen deutschrömischen Freunden reiste, nahm er die Ideen der Romantik und des Nazarenertums auf. Mit 28 Jahren wurde er Professor für Malerei und Kupferstich in Karlsruhe. Hier zählte er den Mitbegründern des Großherzöglich-badischen Kunst- und Industrievereins. 1824 finden wir Frommel in England, wo er die kurz zuvor von Charles Heath veröffentlichten illustrativen Stahlstiche kennen lernte. Noch im gleichen Jahr eröffnete Frommel in Karlsruhe ein Atelier für Stahlstecher, eines der ersten in deutschen Landen. Großformatige Mappenwerke entstanden hier auf eigene Rechnung mit Billigung durch den Landesherren. Sie knüpften an die von Engländern begründete Verbreitung landschaftlicher Schönheiten und herausragender – hier badischer - Bauten der alten und neuen Zeit an. In der Ausstellung werden Sie schöne Beispiele finden, die Frommels Wirken und das seiner Vorbilder illustrieren.

 

 

 

 

Der zweite Schwerpunkt ergibt sich aus dem Umstand, dass mit Hermann von Puttkamer einer der preußischen Eisenbahnfunktionäre der ersten Stunde auf dem Alten Garnisonfriedhof ruht und ebenso aus der Fülle herausragender gusseiserner Grabzeichen aus preußischer Produktion.

 

Preußen war, im Gegensatz zu England, zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein technisches Entwicklungsland. Im oberschlesischen Hüttenwerk Malapane gelang es jedoch nach 1800 dünnflüssiges Eisen für feine Gusswaren herzustellen. Der zuständige Minister, Graf Reden, veranlasste die Errichtung der Königlichen Eisengießerei vor dem Neuen Tor. 1804 nahm das staatliche Unternehmen seinen Betrieb auf. Bis 1826 war das Unternehmen der einzige Betrieb seiner Art und Größe in Berlin und hatte die Ausbildung eines frühen Industriequartiers zur Folge, da Eisenverarbeitende Unternehmen vieler Art sich in der Nähe ansiedelten. Im Juni 1816 konnte eine 1815 nach englischem Vorbild gebaute Dampfmaschine auf Rädern zur Probefahrt starten. Die erste wirklich funktionierende Lokomotive baute aber Robert Stephenson 1829 in England, genannt „Rocket“ = „Rakete“. Eine solche Lok, „Adler“ geheißen, fuhr auch im Dezember 1835 auf der ersten deutschen Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth. Die erste in Deutschland gebaute brauchbare Lokomotive, genannt „Saxonia“ fuhr 1839 zwischen Dresden und Leipzig. 1838 begann in Berlin die Aufnahme eines ersten funktionierenden Eisenbahnbetriebs zwischen Berlin und Potsdam.

 

Die Produktion von Eisenwaren geschah in Berlin zu diesem Zeitpunkt schon in verschiedenen Maschinenfabriken, die ab 1820 insbesondere entlang der Chausseestraße vor dem Oranienburger Tor angesiedelt waren. Jeder kennt den Namen „Feuerland“ für diesen vorstädtischen Bereich. Hier saßen unter anderen die Unternehmen von Franz Anton Egells und Friedrich Wöhlert. Gleichzeitig etablierte der Handelsrat Peter Beuth das Köngliche Gewerbeinstitut, wo Eisenfachleute ausgebildet wurden. Hier lernte zwischen 1823 und 1825 auch der Breslauer Zimmermann August Borsig sein Gießerhandwerk. 1825 trat er als Praktikant bei der Maschienbauanstalt von Egells ein. Anfang 1837 machte Borsig sich selbständig. Die Maschienbauanstalt A. Borsig war als ein führendes Unternehmen bildwürdig. Eigentümer auf der preußische Staat machen gleichermaßen mit Abbildungen des Unternehmens Werbung. Der erste größere Auftrag der Fa. Borsig umfasste 117000 Schrauben für die neue Berlin-Potsdamer Eisenbahn sowie die notwendigen Schienenstühle. 1841 baute Borsig seine erste eigene Lokomotive noch nach amerikanischem Vorbild, dann 1844 die erste Eigenkonstruktion. Diese Lok erhielt den Namen „Beuth“. Von dieser Maschine wurden nun in rascher Folge 71 Stück gebaut und die deutsche Eisenbahnindustrie war etabliert.

 

1844 starb der schon erwähnte Hermann von Puttkamer. Er war Spezialdirektor der Berlin-Potsdamer Eisenbahn gewesen. Sein Grab auf dem Garnisonfriedhof wird von einem gusseisernen Grabkreuz geschmückt. Die serielle Produktion von Grabzeichen in kostengünstigem Material war eine der wichtigen Produktreihen der neuen Eisenindustrie. Die Entwürfe hierzu lieferten Angehörige des Königlichen Gewerbeinstituts, allen voran Karl Friedrich Schinkel.

 

Sichtbare Zeichen einer neuen, technisierten Zeit waren die zahlreichen Bahnhöfe, die die zu diesem Zeitpunkt in der Regel privatwirtschaftlichen Eisenbahngesellschaften durchaus in Konkurrenz zueinander, errichten ließen. Der erste repräsentative Bahnhof entstand nach Plänen von Friedrich Neuhaus für die Berlin-Hamburger Bahn, der Hamburger Bahnhof an der Invalidenstraße im Nordwesten Berlins.

 

August Borsig starb 1854 und wurde auf dem Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Friedhof an der Chausseestraße beigesetzt. Seine Witwe Luise und sein Sohn Albert führten das Unternehmen nun zu Weltruhm. Ausdruck des Erfolges war 1877 der Bau des Palais Borsig in der Wilhelmstraße. Die Planungen zu diesem renaissancistischen Prachtbau stammten von Richard Lucae, die Fassaden trugen Steinskulpturen aus den Werkstätten der bekanntesten Vertreter der Berliner Bildhauerschule des 19. Jahrhunderts. Der Abbruch der Kriegsruine in den 1950er Jahren zählt zu den schmerzhaftesten Verlusten an Berliner Architektur. Die historischen Darstellungen dieses Bauwerks halten die Erinnerung wach. Wie kunstvolle Grabmäler an lang Verstorbene erinnern können, sind die Grafiken gut lesbare und in der Regel gut zugängliche Gedenkmale für Vergangenes. Die Radierung erinnert nicht allein an das Palais Borsig als Bauwerk sondern zugleich an eine bürgerliche Repräsentationsarchitektur, die den öffentlichen Raum zur Freude aller mit aktueller Kunst reich ausschmückte.

 

Der dritte Schwerpunkt widmet sich der Grafik als Medium. Kupferstiche, Lithografien und Stahlstiche lassen sich vergleichen und so technische Unterschiede feststellen. Gleichzeitig werden beliebte Sujets vorgestellt. Schlachtengemälde aus der unter dem so genannten Bürgerkönig Louis Philippes eingerichteten Galerie de Batailles im Schloss von Versailles, über Stadtansichten von Berlin hinzu Gebrauchsgrafik für das Militär und die Bildungsanstalten der Zeit. Hervorzuheben ist der 1847 geschaffene Stahlstich mit der Darstellung des im Auftrag von Athanasius Graf Raczynski am Königsplatz vor dem Brandenburger Tor nach Plänen von Johann Heinrich Strack errichtete Palais Raczynski. Neben dem Wohnhaus war hier die Galerie für die bedeutende Gemäldesammlung des kunsthistorisch versierten polnischen Adeligen und geräumige Ateliers für von ihm besonders geförderte Künstler eingerichtet worden. Der moderne spätklassizistische Prachtbau wurde 1874 zugunsten des Wallotschen Reichstagsgebäudes abgerissen.

 

Der vierte Schwerpunkt widmet sich dem Bildhauer Christian Friedrich Tieck (1776-1851), Sohn eines Berliner Seilermeisters und Bruder des ehemals hochberühmten Dichters, Dramatikers und Übersetzers von Shakespeare und Cervantes Ludwig Tieck. Christian Friedrich Tieck war Freund und Konkurrent von Daniel Christian Rauch. Beide teilten sich in den Steinbrüchen von Carrara eine Werkstatt, beide brillierten aus Porträtisten der königlichen Familie, des Adels und des wirtschaftlich erfolgreichen Bürgertums ihrer Zeit. Beide waren soziale Aufsteiger, Rauch jedoch ein wenig smarter und radikaler in der Verteidigung seines gesellschaftlichen Ranges. Beider Werk gehört aber zum Besten, was die klassizistische Kunst der Zeit hervorbrachte. Ein unsigniertes Hauptwerk klassizistischer Grabplastik auf dem Alten Garnisonfriedhof, das Relief mit der allegorischen Darstellung einer Victoria als Muse der Geschichtsschreibung am Grabmal für Generalleutnant Carl Friedrich von Holtzendorff, ist mit guten Gründen Tieck zu zuschreiben. Den Entwurf des Grabmals lieferte 1829 Karl Friedrich Schinkel, der oft mit Tieck zusammenarbeitete, etwa 1811 beim Grabmal für Fürstin Christine Charlotte Sophie von der Osten gen. Sacken auf dem II. Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg, beim Grabdenkmal für General Gerhard voon Scharnhorst auf dem Invalidenfriedhof in Berlin, an der bis 1831 errichteten Friedrichwerderschen Kirche, für deren Portale Tieck 20 allegorische Reliefs modellierte oder an den etwa zeitgleich geschaffenen terracottanen Portalrahmen der Bauakademie. Schönstes Argument für Tiecks Autorenschaft am Grabrelief von Holtzendorff sind seine beiden Bronzereliefs für das Grabmal des 1829 verstorbenen Alt-Philologen Philipp Karl Buttmann auf dem Alten Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Friedhof an der Chausseestraße vis-a-vis des ehemaligen Fabrikgeländes der Firma Borsig. Sie werden das allegorische, zweifigurige Hauptrelief des  1834 entstandenen Grabmals Buttmann als Foto in der Ausstellung finden und können selbst Vergleiche anstellen. Die heute zu eröffnende Schau schlägt aber eine interessante Volte, in dem sie Tieck als Zeichner besonders würdigt, als Schöpfer eines bemerkenswerten Kartenspiels. Sie sehen auch hier: Linie und Form, im plastischen Bildwerk edel, im Gebrauchskunstwerk bodenständig und handfest, beides phantasievoll.

 

Der fünfte Schwerpunkt ist einem weiteren mit einem Grabkunstwerk auf dem Alten Garnisonfriedhof vertretenen Künstler gewidmet, diesmal einem Architekten. August Soller (1805-1853), der 1853 selbst höchst exklusiv in seinem architektonischen Hauptwerk, der Katholischen St. Michals- und Garnisonkirche am Engelbecken beigesetzt worden ist, hat 1840 mit dem fast drei Meter hohen Stelengrabmal für General Ernst Ludwig von Tippelskirch (1774-1840) das monumentalste Zinkgussgrabmal des antikisierenden Klassizismus auf einem Berliner Begräbnisplatz entworfen. Insofern gebührt ihm als spätem Vertreter der Schinkelschule ein besonderer Ehrenplatz in dieser Ausstellung.

 

Fast folgerichtig beschäftigt sich der sechste Schwerpunkt mit dem wichtigsten Bau- und Gestaltungsstoff des 19. Jahrhunderts, dem Eisen. Sie werden zurecht anmerken, dass schon die vorrömische Eisenzeit bemerkenswertes in Sachen Eisen leistete. Aber der Siegeszug des Eisens als DEM Material des Fortschritts, als DEM Urstoff, aus dem DAS Symbol der Industriellen Revolution, der LOKOMOTIVE ebenso hervorging wie Gustav Eiffels Turm in Paris zur Weltausstellung 1889 ist doch ganz eine Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Der Alte Garnisonfriedhof in Berlin birgt herausragende Beispiele für die künstlerisch hochrangige Produktion eiserner Grabzeichen in Preußen. Ich verweise stellvertretend auf das hochklassizistische Stelengrabmal für den Stadtkommandanten Ludwig Matthias Nathanael Gottlieb von Brauchitsch (1757-1827), das nach einem Entwurf von Ludwig Wichmann (1788-1859) entstand und ebenso auf das gotisierende Tabernakelgrabmal für den Artillerieoffizier und Parlamentspolitiker Daniel Friedrich Gottlob Teichert (1796-1853), das gestalterisch auf einen viel älteren Entwurf Schinkels zurückgreift. Hier, im letzten Abschnitt der Ausstellung, wird gegen die Übermacht der prächtigsten Grabmale aus Eisen, wie sie das Hauptausstellungsstück der Ausstellung, nämlich der Friedhof selbst, in reicher Fülle darbietet, der umfassende Einsatz von Eisen in der häuslichen kunstgewerblichen Produktion der Zeit thematisiert. Das zierliche Eiserne Kreuz, 1813 von Schinkel entworfen und Namensgeber eines ganzen Berliner Stadtquartiers, schlägt doch wieder den inhaltlichen Bogen zum Friedhof und seinen bekannten Toten.

 

Ich wünsche Ihnen viel Freude auf Ihrer Zeitreise mit Linie und Form und danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

 

Im Lapidarium erwartet Sie im Übrigen eine weitere Ausstellung mit modernen Arbeiten der Künstlerin  Beate Spitzmüller.

 

 

 

Ausstellung zu Konteradmiral Plüddemann

Die

ALBATROS

Zu den Details der Ausstellung und der Vernissage am 31. Oktober 2014 

bitte die untere Abbildung anklicken

Ausstellung im Lapidarium
Die Kunst der Grabmale

Anschrift:

Kleine Rosenthaler Strasse 3

10119 Berlin

U-Bahn (Linie 8) und Tram (Linien 1, 8, 12)  Rosenthaler Platz

Informationstafel zur Geschichte der Garnisonkirche am Hackeschen Markt

(Haltestelle der Tram 4,5,6)

Geschichte der Garnisonkirche

 

 

Geschichte der Garnisonkirche     (bitte das darüberstehende Bild anklicken!)

 

 

Das Bild aus einem Stadtplan zeigt die alte Berliner Garnisonkirche (211) vor der Zerstörung im II.Weltkrieg

mit ihren dahinterliegenden Nebengebäuden und dem
benachbarten Gemeindehaus
(ehemals Garnisonschule und später Wohnung und Arbeitsräume
der Garnisonprediger - Nr. 210)