Geschichte des Friedhofs

Grabstein des brandenburgisch-preußischen Offiziers Franz von Barfuss
aus dem Jahre 1796

 

 

Garnisonkirchen und Garnisonfriedhöfe sind für Orte, in denen Militär stationiert war, nichts Ungewöhnliches. In Berlin gehörte rund zweieinhalb Jahrhunderte die Alte Garnisonkirche zum Stadtbild. Heute sucht man sie jedoch vergeblich - sie ist verschwunden. 1701 bis 1703 erbaut, war sie die erste Garnisonkirche Preußens. Im zweiten Weltkrieg zerstört, wurden ihre Überreste 1961 abgetragen.
Der Alte Garnisonfriedhof im Bezirk Mitte ist der älteste Militärfriedhof Berlins. Sein Anfang fällt mit der Gründung Preußens zusammen. Die Auflösung Preußens 1947 markiert sein Ende.
Der Spannungsbogen von Schicksalen, wie er an den Grabsteinen ablesbar ist, umfasst den preußischen Generalfeldmarschall, der im Verdacht steht, in seiner Jugend Sympathien für die französische Revolution gehegt zu haben, über die Offiziere aus den Kriegen gegen das Napoleonische Frankreich von 1813/15  bis zur Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Aber auch vom dichtenden "Don Quichote der Romantik" hugenottischer Herkunft über den adligen Volksschriftsteller bis zum Mitbegründer der Ägyptologie in Berlin spannt sich dieser Bogen Berlin-brandenburgischer Kulturgeschichte.Die Berliner Bildhauerschule im 19. Jahrhundert und die aus ihr hervorgegangenen hier vertretenen Grabdenkmale haben diesen Friedhof zu einem Kleinod unter den historischen Friedhöfen Berlins werden lassen. Grabdenkmale nach Entwürfen Karl Friedrich Schinkels, David Gillys, Friedrich Tiecks, Ludwig Wichmanns, August Sollers finden sich auf diesem Friedhof, hergestellt zur Blütezeit des Berliner Eisenkunstgusses in den Werkstätten der Kgl. Eisengießerei.

 

 

Grabstein Holtzendorff - nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel, 1829

 

 

 

DIE ENTSTEHUNG DER GARNISONFRIEDHÖFE

 AN DER LINIENSTRASSE

 

 

 

Die "Alten Berliner Garnisonfriedhöfe" entstanden zwischen 1701 und 1706 gleich zu Beginn der Anlage der Spandauer Vorstadt. Sie wurden auf dem Gelände des Mittelmarktes bzw. der sogenannten "Stadtfreiheit", also außerhalb der alten Stadtbefestigung, angelegt. Von Anfang an wurde das Friedhofsgelände von der Laufgasse (Gormannstraße), durchzogen. Auf dem östlichen Teil erfolgte die Beisetzung der Gemeinen und auf dem westlichen Teil die der Offiziere und ihrer Angehörigen.

 

Die nördliche Grenze der Friedhöfe entstand im Jahre 1705. Vom Alten Spandauer Heerweg, heute die Oranienburger Straße, wurde in östlicher Richtung bis zur Großen Frankfurter Straße eine Circumvalationslinie abgesteckt, hinter der bald die neue Stadtmauer wuchs. Der damit entstandene Straßenzug trug gleich den Namen "Linie", es ist seit 1821 offiziell die Linienstraße.

 

Das äußere Bild beider Friedhöfe verdeutlichte auch die unterschiedliche Belegung. Während es auf dem Gemeinenfriedhof nur Reihengräber gab und Zeitzeugen von einem "Belegungschaos" sprachen, bestanden auf dem Offiziersfriedhof fast ausschließlich Erbbegräbnisplätze.

 

 

Der Offiziersfriedhof (O.) und der Gemeinenfriedhof (G.)

in der ersten Jahrzehnten ihres Bestehens -

erkennbar sind die ursprünglichen Namen der Strassen und Gassen der

Spandauer Vorstadt

 

DIE FRIEDHÖFE IM 18. UND 19. JAHRHUNDERT

 

 

Nachdem 1705 die Linienstraße angelegt worden war, wurde fortan von den "neuen Friedhöfen in der Linienstraße" gesprochen. "Neu"- als im Sinne nicht mehr auf dem Friedhof des Heiliggeist-Hospitals. Aus den Auswertungen der Sterberegister und Kirchenbücher geht hervor, dass der Offiziersfriedhof im 18. Jahrhundert ein Schattendasein geführt haben muss. Die bedeutenden Beisetzungen fanden in den Grüften der Kirche statt. Nur ärmere Familien ließen ihre verstorbenen Angehörigen auf den Friedhöfen beerdigen.

 

Mit dem Preußischen Landrecht von 1794 wurde der Garnisonfriedhof aus seiner anfänglichen Bedeutungslosigkeit herausgerückt. Erst in seiner Folge entwickelte sich der Friedhof zu einer personal- und kunstgeschichtlich bedeutungsvollen Anlage. Vornehmlich betraf dies den heute noch erhaltenen Offiziersfriedhof, aber auch der Soldatenfriedhof erfuhr hierdurch eine Aufwertung. Das Preußische Landrecht legte u.a. fest: "...in den Kirchen und in bewohnten Gegenden der Städte sollen keine Leichen beerdigt werden".

 

Der Garnisonfriedhof wurde über Berlin hinaus bekannt, als führende Offiziere um Adolph von Lützow nach 1815 hier ihre letzte Ruhe fanden. Das Grab des legendären Führers der "schwarzen Freischar", Adolph von Lützow (1782 - 1834), ist durch zwei Gedenksteine gekennzeichnet, einer davon gewidmet von den Waffengefährten.

 

Auf dem Friedhof sind Offiziere dieser für Preußen ruhmreichen Periode beigesetzt, so Peter von Colomb, C. F. von dem Knesebeck, K. F. von Holtzendorff, F. de la Motte Fouqué, Carl Andreas von Boguslawski, K. G. von Loebell, E. L. von Tippelskirch, Leopold von Lützow, K. L. H. L. von Borstell.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts war offensichtlich geworden, daß die nunmehrige Innenstadt-Lage des Friedhofs eine weitere Nutzung in Frage stellte. So kam es 1860 in der Hasenheide und im Wedding zur Gründung neuer Garnisonfriedhöfe. Nachdem noch Gefallene des Krieges von 1866 auf dem Gemeinenfriedhof beigesetzt worden waren, wurde der Friedhof 1867 geschlossen. In der Folge wurde das Gelände zur Naherholung genutzt. Die Flächen wurden bis 1890 als Laubenparzellen verpachtet, danach als Bauland verkauft.

 

 

Die Grabanlage des Generals von Brauchitsch, eine Eisenguß-Stele
nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel,
auf einem Foto vor 1939

 

 

 

DER OFFIZIERSFRIEDHOF IM 20. JAHRHUNDERT

 

 

Der Offiziersfriedhof diente weiterhin als Begräbnisplatz. Zuletzt natürlich nicht mehr in seiner ursprünglichen Bedeutung als Friedhof einer Berliner Garnison. Die evangelische Garnisongemeinde war nie eine reine Parochial-, sondern immer eine Personalgemeinde, der die in Berlin ansässigen Militärs oder ehemalige Militärangehörige angehörten. In diesem Sinne als Gemeindefriedhof ist der "Offizierskirchhof", wie er auch genannt wurde, bis zum Jahre 1945 genutzt worden, auch zur Umbettung der in den Weltkriegen Gefallenen. An der Ostseite war eine Kapelle im Ziegelbau aus dem Ende des 19. Jahrhunderts vorhanden.

 

Das noch bestehende Verwaltungsgebäude ist ein Putzbau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

Die Verstorbenen wurden auf dem Friedhof überwiegend erdbestattet, vereinzelt waren Familiengrüfte angelegt worden. Die Grabstellen waren oftmals mit wertvollen Gitteranlagen umgeben. Um die Jahrhundertwende waren entlang der östlichen Begrenzungsmauer zusätzlich vereinzelte Mausoleen errichtet worden. Der Offiziersfriedhof blieb in dieser Gestaltung bis zum Ausbruch des II. Weltkrieges erhalten und befand sich in einem guten äußeren Zustand.

 

 

Der Offiziersfriedhof um 1976

 

 

An einen der traurigsten Abschnitte deutscher Geschichte gemahnen die Massengräber auf dem früheren Feld VI für die Opfer aus den letzten Tagen des II. Weltkrieges.

 

Ein Verzeichnis der auf diesem Gräberfeld beigesetzten Toten aus dieser Zeit ist als Liste des Deutschen Roten Kreuzes vorhanden. Andere Quellen sprechen von mehr als 1 000 beigesetzten Kriegsopfern, die während der Kampfhandlungen um die Befreiung Berlins in den umliegenden Straßen umgekommen waren und nach zum Teil nur provisorischen Beisetzungen hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Der Kreis der Geschichte schließt sich; mit diesen Massengräbern endet ein Abschnitt deutscher Militärgeschichte, der etwa zeitgleich mit der Gründung dieses Alten Berliner Garnisonfriedhofs begonnen hatte. Das gemeinsame Schicksal dieser Opfer, ihre Gräber lassen diesen Teil des Friedhofs besonders bedeutungsvoll erscheinen.

 

 

 

Heute finden sich auf den Grabstellen oder in den Beisetzungsregistern Namen altpreußischer Geschlechter, deren Nachfahren dann im Widerstandskampf gegen den Nationalsozialismus, für Freiheit und Recht ihr Leben eingesetzt und verloren haben. Damit schließt sich auch hier wiederum der Kreis der Geschichte. In diesem Zusammenhang sind auf dem Friedhof noch heute auffindbar Namen wie Herwarth von Bittenfeld, von der Schulenburg, von Stülpnagel.

 

In den Begräbnisregistern finden sich aus früher Zeit die Namen von Treskow, von Schlabrendorf, von Seydlitz, von Witzleben, von Wartenberg, von Moltke, von Gersdorff.

 

Auch Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fanden ihre letzte Ruhe auf diesem Friedhof, wie der im KZ Buchenwald 1941 zu Tode gefolterte Dr. Wilhelm von Braun, dessen Grab nicht mehr aufzufinden ist und die polnische Widerstandskämpferin Sonia Horn.

 

 

In Einzelfällen wurden während des II. Weltkrieges gefallene Offiziere und Soldaten, z.T. mit militärischen Ehren, beigesetzt oder einzelne gefallene Soldaten auch unmittelbar nach den Kämpfen Anfang Mai in Einzelgräbern bestattet, wie der 18-jährige Toni Feller. Toni Feller ist am 18. Februar 1927 in Weilburg/Lahn, Kreis Oberlahn geboren. Aufgewachsen ist er in Arfurt/Lahn, wo er bis 1942 seinen Wohnsitz hatte. Seine Eltern waren Simon und Katharina Feller. Ab 1942 lernte er an der Fliegertechnischen Vorschule in Oschersleben/Bode. Im Herbst 1944 erhielt Feller - 17jährig - seine Beorderung zum Deutschen Volkssturm.

 

Mit Ausnahme von zwei Mitschülern wurden alle Militärschüler aus Oschersleben in einer Pionierkompanie zusammengefaßt. Nach dreiwöchiger Ausbildung kam der erste Einsatz in Jüterbog. Gleich am ersten Tag wurde der Zug von Feller eingeschlossen. Unter Verlust des Zugführers und eines Drittels der Kompanie konnte der Rest sich zurückziehen. In Marienfelde wurden sie von russischen Panzern überrollt. Die übriggebliebenen zehn Mann gingen nach

 

Berlin und wurden einer neuen Kompanie zugeteilt. Den nächtlichen Bombenhagel überlebten von der Kompanie nur Toni Feller und Richard Noll, ebenfalls ein Mitschüler aus Oschersleben. Der nächste Einsatzort war das Regierungsviertel. Zwei Tage vor der Kapitulation Berlins verliert sich die Spur von Toni Feller. Nach vorhandenen Unterlagen ist er am 1. Mai am Dönhoffplatz gefallen. Sein Grab ist erhalten.

 

Zum Schicksal des Dr. Wilhelm von Braun siehe www.biographien offiziere preußen - garnisonfriedhofberlin.de

 

DER OFFIZIERSFRIEDHOF NACH 1945

 

 

 

Der jeweilige Zustand und die Metamorphose des Friedhofareals seit dem Ende des II. Weltkrieges ist vor den sich verändernden politischen Verhältnissen im Ostteil Berlins und in der Relevanz der Entwicklung der Spandauer Vorstadt zu sehen, die, obwohl im Stadtzentrum gelegen, jahrzehntelang aus den bauplanerischen und denkmalpflegerischen Konzepten gestrichen wurde.

 

Die Grabanlagen waren von den Bombenangriffen weitestgehend verschont geblieben. April/Mai 1945 wurden über 1.000 Kriegsopfer in Massengräbern beigesetzt. Danach stand der Alte Garnisonfriedhof als Militäreinrichtung unter alliierter Aufsicht, folgend ohne wesentliches öffentliches Interesse - in keinem Stadtführer erwähnt.

 

Auffallend für die 50/60er Jahre war der ständige Verfall der Anlage. Mausoleen stürzten ein bzw. wurden eingeebnet; Eisenkunstgitter, Grabsteine und die Kapelle verschwanden.

 

 

Der Stadtbezirk Mitte verfügte schließlich die Schließung des Garnisonfriedhofes als Begräbnisstätte. Das Jahr 1978 war für die historische Friedhofsanlage von Bedeutung, da die Friedhofsordnung für Ost-Berlin auf dem Begräbnisplatz einen pflegeleichten, allen Traditionen widersprechenden, "Wohngebietspark" vorsah. Die in den 80er Jahren, nach dem Verfall und Abriss ganzer Häuserreihen, errichteten Plattenbauten, z. B. auf der anliegenden Linienstraße, tangieren zumindest diese Absicht.

 

Die dem internationalen Trend folgende parkartige Umgestaltung und Einebnung des Areals, der über 300 der noch vorhandenen 489 Grabdenkmäler zum Opfer fielen, charakterisierte der "Sonntag", das kulturpolitische Wochenblatt der DDR, als kulturgeschichtlich nicht reparable "Bulldozer"-Aktion der Obrigkeit.

 

Zu den massiven Abräumungen kam die vollständige Beseitigung der bisher vorhandenen Wege und Feldeinteilungen. Rasenflächen wurden angelegt. Erhalten und teilweise gepflegt sowie später restauriert blieben vor allem einige Grabstätten, die der damaligen sich ändernden Preußen-Geschichtsbeschreibung der DDR nutzbar gemacht werden konnten wie Adolph von Lützow, Freiherr de la Motte Fouqué und von Brauchitsch. Durch das Engagement von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Kulturbundes, die sich in einer Interessengemeinschaft zusammenfanden, wurden neben denkmalpflegerischen Arbeiten "vor Ort" seit Anfang der 80er Jahre auch dokumentarische und kulturhistorische Aktivitäten zum Erhalt der Friedhofsanlage geleistet, die für erste Rekonstruktions- und Konservierungsmaßnahmen dominant waren. Der Friedhof und einzelne Grabstätten wurden unter Denkmalschutz gestellt.

 

 

Seit 1991 unterstand der Friedhof der Aufsicht der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, seit 1995 dem Naturschutz- und Grünflächenamt Mitte.

 

Der "Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof e. V." bemüht sich seit 1993 um Öffentlichkeitsarbeit, um die Erschließung zusätzlicher finanzieller Quellen im privaten und öffentlichen Bereich für Restaurierung und Konservierung der Grabmale.